The Book of Unwritten Tales - Die Vieh Chroniken - Vorschau
Als KING Art Games im April 2009 „The Book of Unwritten Tales“ herausbrachte, da gelang dem kleinen deutschen Entwicklerstudio mit ihrem Erstlingswerk auf Anhieb eines der besten, schönsten und sicher auch charmantesten Adventures der letzten Jahre. Weltweit hagelte es Traumwertungen, denen wir uns mit stolzen 86 Prozentpunkten gerne anschlossen, und die kauzige Geschichte um die Abenteuer des kleinen Gnomes Wilbur Wetterquarz, der Elfe Ivo und dem selbstherrlichen Abenteurer Nate wurde zum meistverkauften Adventure des Jahres. Zwei Jahre später steht nun das Prequel „Die Vieh Chroniken“ in den Startlöchern, in dem erzählt wird, wie Nate zu seinem skurrilen Begleiter, dem lilahaarigen, schlicht „Vieh“ genannten Fellhaufen kommt. Wir haben uns für euch erneut in die fantastische Wunderwelt Aventásia gewagt, um in einer weit fortgeschritten Vorabversion das Erste und vierte von später insgesamt fünf Kapiteln unter die Lupe zu nehmen.
Über den Wolken
Wie gesagt spielt die Handlung der „Vieh-Chroniken“ vor „The Book of Unwritten Tales“ und dreht sich größtenteils um Haudegen Nate, der noch nicht einmal ahnt, dass er irgendwann einmal mit einem kleinen Gnom und einer resoluten Elfe die Welt retten wird. Nate hat im Augenblick ohnehin ganz andere Sorgen: Nachdem er einen fiesen Piraten mit nicht ganz fairen Mitteln beim Kartenspiel um dessen Luftschiff, die baufällige Mary, erleichtert hat, hetzt dieser ihm die orkische Kopfgeldjägerin Ma´Zaz auf den Hals. Dass mit dieser Unschönheit nicht gut Kirschen essen ist, davon durfte man sich bereits im Vorgänger überzeugen, und so hat der gute Nate alle Hände voll zu tun, sich der hartnäckigen Dame zu erwehren. Im späteren Verlauf des Spiels wird Nate im Kochtopf eines Yetis landen, das Vieh kennenlernen und dessen Volk vor dem finsteren Hexenmeister Munkus beschützen. Doch das ist alles Zukunftsmusik, im Anfangskapitel geht es erst einmal darum, Ma´Zaz und ihrem waffenstarrenden Luftschiff zu entkommen.
Wiedersehen macht Freude
In den ersten Spielstunden gibt es mit Nate, dem Vieh und Ma´Zaz erstmal ein Wiedersehen mit alten Bekannten, auch Oberschurke Munkus war bereits im ersten Teil unser Nemesis. Später im Spiel trifft man dann aber auf eine Vielzahl neuer Charakter, unter anderem die Tierschutzaktivistin Petra, den leicht verwirrten Polarforscher Montgomery Happerplapp oder die fesche Vieh-Dame Layla. Sowieso werden sich Kenner des ersten Teils sofort heimisch fühlen. Die wunderschöne, höchst detaillierte und toll ausgeleuchtete Grafik steht dem Vorgänger in nichts nach, Ortschaften wie das beschauliche Seefels wirken noch mal einen Tick hübscher als in „TBOUT“. Nur die etwas detailarmen Charaktere und ihre ungelenken Bewegungen wirken ein wenig veraltet.
Leichter ist unlogischer KING Art Games hat auf einen der wenigen Schwachpunkte des Vorgängers reagiert: Das Spiel war zu leicht. In „Die Vieh Chroniken“ gibt es nun zwei Schwierigkeitsgrade, aus denen vor jedem Kapitel gewählt werden kann. Das wirkt allerdings etwas unausgereift: Wirklich schwer ist schwer auch nicht, die Rätselketten sind nur ein wenig länger. Im ersten Kapitel muss Nate das Luftschiff von Ma´Zaz angreifen, wofür er Schießpulver benötigt. Im normalen Schwierigkeitsgrad findet er das Schießpulver in einem Fass, im schweren findet er dort nur etwas Salpeter.
Zwei weitere Zutaten müssen her. In der Kapitänskajüte findet er einen Skelettarm, mit diesem holt er ein Stück Kohle aus einem Ofen, zerkleinert es in einer Kaffeemühle und mischt es zum Salpeter dazu. Dazu ein wenig Schwefelpulver, das (warum auch immer) auf einem Schminktisch liegt, fertig ist die explosive Mischung. Im leichten Schwierigkeitsgrad nun finden sich der Kohleofen, der Skelettarm und die Kaffeemühle ebenfalls als anwählbare Hotspots, aber warum und wofür sie da sind, das bleibt im normalen Modus offen. Nimmt man dort die Kohle mit dem Skelettarm auf, so will Nate das Stück gar nicht haben, und die Kohle fällt zu Boden und löst sich in Wohlgefallen auf. Das verwirrt eher, als dass es irgendetwas einfacher macht, weil man permanent denkt, diese Dinger müssten ja auch noch irgendwie zum Einsatz kommen. Das haben die altehrwürdigen LucasArts-Titel eleganter gemacht. Gelegentlich gibt es auch kleine Geschicklichkeitsspiele, etwa wenn man eine Holzkiste mit einem Dietrich öffnen möchte. Hier ist im schweren Modus ein wenig mehr Fingerfertigkeit gefragt, lösbar sind diese Mini-Aufgaben aber jederzeit. Zudem ist die Hot Spot-Anzeige im schwereren Modus abgeschaltet, kann aber im Menü einfach wieder aktiviert werden. Sei´s drum, wirklich schwer sind die Rätsel noch immer nicht, zumal auch die Anzahl der gesammelten Objekte und der verfügbaren Hot Spots überschaubar bleibt. Sollte man irgendwann also mal gar nicht weiterkommen, führt selbst wildes Herumexperimentieren schnell zum Erfolg. Auch Genreneulinge dürfen sich also direkt am schwierigen Part versuchen, ohne frustrierende Kopfnüsse befürchten zu müssen. Zumal die gezeigten Rätsel allesamt logisch sind.
Ein bisschen Spaß muss sein
Die Figuren sind leider noch stumm, die Sprachausgabe wird erst noch integriert. Im Vorgänger gab´s aber auch hier nichts zu meckern, unter anderem gab es von den deutschen Sprechern von Spongebob Schwammkopf, Ben Stiller und Mel Brooks auf die Ohren. Man darf KING Art Games hier ruhig einen kleinen Vertrauensvorschuss gewähren. Zumal die Dialoge bereits in Textform einen großartigen Eindruck machen und vor Wortwitz und Anspielungen nur so sprühen. Überhaupt wird Humor wieder groß geschrieben. Seien es die schrulligen Charaktere, die zahlreichen Seitenhiebe auf populärkulturelle Denkmäler, die sympathische Selbstironie oder schlichtweg der Ideenreichtum der Entwickler, alles wirkt mit größter Sorgfalt erdacht. Nicht ein einziges Mal wirkt ein Gag deplatziert oder aufgesetzt.
Ein sicherer Hit
Erfahrene Spieler werden sich auch an den Knobeleien der „Vieh Chroniken“ nicht die Zähne ausbeißen, aber das bleibt auch so ziemlich der einzige, halbe Kritikpunkt. Die Rätsel sind trotzdem durchdacht, zumindest, wenn man direkt im schwierigen Modus startet, und die schrägen Charaktere, der Humor und die Geschichte unterhalten blendend. Wenn die anderen drei Kapitel ähnlich spaßig werden und die Synchronisation wieder so großartig wird wie im Vorgänger, dann wird „Die Vieh Chroniken“ ein absoluter Hit. Wer „TBOUT“ mochte, darf sich schon mal in freudiger Erwartung die Hände reiben. Und wer es nicht mochte, der hat es ohnehin nur nicht gespielt.
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