Sleeping Dogs - Test
Wer ist eigentlich dieser Grand Theft Auto? Wer sich das heute noch fragen muss, hat vermutlich die letzten Jahrzehnte unter einem Stein gelebt. Wer diese Frage aber ins Gespräch bringen möchte, um zu zeigen, dass es Open World-Titel ohne GTA-Klon-Ambitionen gibt, dem kann man nur zustimmend auf die Schulter klopfen. Der aktuellste Vertreter der Marke „Nieder mit dem Genreboss“ schimpft sich Sleeping Dogs und hebt sich von den zahlreichen GTA-Imitaten alleine durch das Setting – in Sleeping Dogs prügeln, schießen und rasen wir durch die chinesische Metropole Hongkong - und den Fokus auf die Story mit zahlreichen Wendungen und Überraschungsmomenten ab. Ob das reicht, um die Monumental-Franchise der Jungs und Mädels von Rockstar vom Open-World-Action-Thron zu stoßen, haben wir in unserem Testbericht in Erfahrung gebracht.
Sweet Home Hong Kong
Der Anfang des 3rd Person-Actiontitels ist jedenfalls schon mal vielversprechend, denn bereits zu Beginn wird klar, dass wir es mit unserem „Helden“ Wei Shen mit einer vielschichtigen und durchaus schwierigen Persönlichkeit zu tun haben. So wuchs Shen zwar in Hongkong auf, ergriff mit seiner Familie jedoch schnell die Flucht vor der Gewalt und Unterdrückung durch die chinesischen Triaden, dem Pendant zur europäischen Mafia. Das Ziel: Amerika. Aber auch dort konnte es den jungen Chinesen nicht lange halten. Es zieht ihn zurück nach Fernost, zu seinen alten Kumpels und der gewohnten Umgebung. Was keiner außer Shen selbst und uns als Spieler weiß: Mittlerweile ist aus dem jugendlichen Draufgänger ein knallharter Cop geworden, der undercover ermitteln und den mächtigen Sun-On-Yee-Clan zu Fall bringen soll. Klar, dass bei der Hintergrundgeschichte manche Entscheidungen nicht leicht fallen dürften, gerade wenn wir mit unseren alten Kumpels die Straßen unsicher machen sollen. Aber von einem Spaziergang im Park war ja auch niemals die Rede.
Guter Cop oder böser Bube?
Denn nicht nur, dass die Story dadurch beeinflusst wird, wie wir selbst handeln, auch unsere Charakterentwicklung hängt maßgeblich davon ab, wie wir in den diversen Situationen reagieren. Sleeping Dogs führt hierzu ein innovatives Level-System ein, das auf moralischen Grundentscheidungen basiert, also ein System, das man eigentlich größtenteils aus Rollenspielen kennt. Benehmen wir uns während einer Mission wie ein einigermaßen gesetzestreuer Bürger und versuchen, unsere Freunde von der chinesischen Mafia vom schlimmsten abzuhalten, erhalten wir Cop-Erfahrungspunkte. Haben wir genügend Punkte angesammelt, steigen wir ein Level und schalten neue Fähigkeiten im Bereich Fahrkünste und Schießprügelhandhabung frei. Wenn wir hingegen wehrlose Opfer verprügeln und unseren kriminellen Neigungen freien Lauf lassen, klingelt es in der Triaden-XP-Kasse. Bei einem Level-Aufstieg in diesem Bereich dürfen wir uns über neue Skills im Faust- und Fußkampf freuen. Gerade Letzteres ist ein zentrales Gameplay-Element in Sleeping Dogs, werden doch die meisten Auseinandersetzungen Mann gegen meist mehrere Männer ausgetragen. Dank der freischaltbaren Angriffe, die teilweise spektakulär, fast schon filmreif inszeniert werden, werden die häufig auftretenden Prügeleien selten langweilig, zumal wir uns auch eines Kontersystems im Stil eines Assassin’s Creed bedienen dürfen.
Aber obwohl kampfsportliche Ertüchtigung einen großen Teil des Gameplays einnimmt, geht es doch gerade auch in den zahlreichen Nebenmissionen auch mal anderweitig zur Sache. So stürzen wir uns beispielsweise in steuerungs- und spieltechnisch etwas kantige Feuergefechte, sprinten und klettern beim Lösen von Standardpolizeifällen durch die Häuserschluchten Hongkongs oder fahren auch mal das ein oder andere illegale Straßenrennen, was dank der arcade-lastigen Fahrphysik zu schnellen Erfolgserlebnissen führen kann. Haben wir unserer gesetzestreuen und weniger gesetzestreuen Umwelt genügend weitergeholfen, kommt uns die dritte XP-Leiste, das Ansehen, zugute. Denn wenn wir bei der Bevölkerung der Stadt hohes Ansehen genießen, lassen sich die Bewohner Hongkongs nicht lumpen und richten kurzerhand einen Autolieferservice für uns ein oder gewähren uns Rabatte an den zahlreichen Fressbuden. Während die Wahrung des leiblichen Wohls dank Autoheal und Cover-Schusswechseln in den meisten Titeln nur noch wenig Bedeutung hat, zückt Sleeping Dogs hier eines seiner Asse. Denn wenn wir ein Heißgetränk in einer Teestube schlürfen, einen schnellen Snack einwerfen oder uns eine asiatische Massage gönnen, erhalten wir kurzzeitige Buffs auf Schnelligkeit, Schlagkraft und andere Attribute. Was lernen wir also daraus: vor jedem Einsatz eine warme Mahlzeit!
Atmosphäre yeah, Technik buh!
Allzu viel sollten wir uns aber nicht in den bauchmuskelumhüllten Magen schaufeln, denn beim Anblick der Spielumgebung kann einem leicht der Kloß im Hals stecken bleiben. Nie war es schöner, bei Tag oder bei Nacht durch die Straßenschluchten Hong Kongs zu flanieren, an Atmosphäre und liebevollen grafischen Details mangelt es Sleeping Dogs wirklich nicht. An jeder Ecke wimmelt es nur so vor fahrenden Kaufleuten, Neonlichter spiegeln sich in Pfützen auf der viel befahrenen Straße und mächtige Hochhäuser säumen die vier verschiedenen Stadtviertel, durch die wir Shen auf seiner Mission hetzen dürfen.

Gerade dieses Setting ist es auch, was den Titel von GTA und Konsorten abhebt, denn auf der technischen Seite krankt Sleeping Dogs stellenweise ein wenig. So sind einige Animationen zu abgehackt, Clipping-Probleme und scheinbar kaum zu eigenen Gedanken fähige KI ziehen sich wie ein roter Faden durch die ansonsten spannende Story. Selbst die Texturen wirken für einen aktuellen Titel mit Hitpotenzial teilweise zu matschig. Auch die Kamera macht an einigen Punkten eher das, was sie will. Gerade in heiklen Kampfsituationen kann dies natürlich schnell zum unerwünschten Ableben Shens führen - Frustpotenzial vorprogrammiert. Weniger Probleme hatten die Entwickler aber anscheinend mit der Soundkulisse des Spiels. Nicht nur, dass die exzellenten Sprecher in einer glaubhaften Mischung aus Englisch und Mandarin vor sich hinplaudern, auch der abwechslungsreiche Soundtrack und die wenig geskriptet wirkenden Gespräche zwischen vorbeiflanierenden NPCs tragen dazu bei, dass die Atmosphäre in Sleeping Dogs so dicht scheint, dass man diese vermutlich nicht einmal mit einer Kreissäge durchgeschnitten bekommt.
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