Lost Chronicles of Zerzura - Test
Entwickler bleibt bei euren Genres. Denn warum unbekannte Gewässer durchpflügen, wenn man mit seinem Expertenteam genau das zusammenschustern kann, was man gut kann. Dasselbe haben sich vermutlich auch die Jungs und Mädels von Cranberry Software, ihres Zeichens die klugen Köpfe hinter „Black Mirror 2“ und „Black Mirror 3“, mit ihrem neuesten Streich gedacht. Aber diesmal geht es nicht ums Gruseln und Grauen, sondern um eher realistischere Rätselkost. So dürfen wir im klassischen Point and Click-Adventure „Lost Chronicles of Zerzura“ wieder auf altbewährten Pfaden wandeln und die Haut eines genialen Jung-Erfinders der europäischen Renaissance schlüpfen. Schon zu Beginn der langen Reise wird klar, dass wir viel mehr als nur unseren flinken Geist brauchen werden, um die Geheimnisse um Zerzura entschlüsseln zu können.
Jäger des verlorenen Artefaktes
Dabei fängt unsere Geschichte so Erfolg versprechend an. Immerhin werden wir als Feodor Morales, seines Zeichens spanischer Meisterbastler und vielleicht klügster Kopf Barcelonas, schon zu Beginn unseres Abenteuers mit einer wichtigen Aufgabe betraut. Um einem Grafen und lokalen Geldgeber beim Gewinnen einer Wette zu helfen, müssen Feodor und sein Bruder Ramon nämlich ein funktionstüchtiges Fluggerät zusammenbauen – und das nicht ohne die Gefahr im Nacken, spielt die Story von „Lost Chronicles of Zerzura“ doch in der europäischen Renaissance im Jahre 1514, der Blütezeit der berüchtigten spanischen Inquisition, die die aufkeimenden Wissenschaften als Gotteslästerung betrachtet und sich ihre Zeit hauptsächlich mit Festnahmen, Folter und Hinrichtungen vertreibt. Umso gefährlicher wird es, als Feodors Onkel seinem weißhaarigen Bruder ein geheimnisvolles Artefakt von seinen Reisen mitbringt und damit die Aufmerksamkeit der rot gewandeten Fanatiker auf die Werkstatt der Brüder zieht. Denn anders als die Paradebeispiele für trottelige Inquisitoren im Stile von Mel Brooks oder Monty Python haben es die Gottesgläubigen hier faustdick hinter den Ohren, und so dauert es nicht lange, bis bewaffnete Männer an die Tür hämmern, Feodors Bruder Ramon samt seinem Schmuckstück entführen und unsere Werkstatt in Brand setzen. Nun bleibt uns natürlich nichts anderes übrig, als zu fliehen, aber unsere Aufgabe ist klar: Wir müssen unseren Bruder finden, die Geheimnisse des Artefakts entschlüsseln und nebenbei noch mal eben die Welt retten. Ein Klacks für einen Hobbybastler, oder?
Rätselkost aus der Renaissance
Das könnte man zumindest auf den ersten Blick denken. Beim zweiten Augenaufschlag sieht es dann aber schon anders aus, denn „Lost Chronicles of Zerzura“ ist wirklich ein Adventure der ganz alten Schule.
Die Rätsel, die von einfachen Kombinationspuzzles bis hin zu kreativeren Logikaufgaben alles bieten was das Adventure-Herz begehrt, sind zwar stellenweise recht knackig und nur durch logisches Denken zu lösen, aber niemals abwegig oder gar unfair. Diejenigen unter uns, die sich nicht auf Pixelsuche begeben möchten, können sich sogar per Druck auf die Leertaste die jeweiligen Hotspots auf dem Bildschirm anzeigen lassen, mit denen Interaktionen möglich sind. So kommt das Gameplay niemals ins Stocken, und wir können uns ganz darauf beschränken, Gegenstände zu sammeln, mit den glaubwürdigen Charakteren zu plauschen und durch das Kombinieren von gesammeltem Plunder immer wieder neue Erfindungen aus dem Baumwollüberwurf zu zaubern. Folglich dürfen wir im Laufe des Spiels mit Fleiß, Spucke und jede Menge Mausklicks nicht nur zum Bau des wohl ersten Heißluftballons aus Leder, Angelruten und einem Fischernetz beitragen, sondern auch provisorische Taucherglocken oder Schaufelradantriebe für halb gesunkene Piratenschiffe zusammentackern.
Hört sich anstrengend an? Das ist es auch. Aber zum Glück haben sich Grafiker von Cranberry Software alle Mühe gegeben, die schweißtreibende und gefahrvolle Reise rund um das Mittelmeer zumindest optisch zur reinsten Wohltat zu machen. So schleusen wir Feodor durch wunderschöne, detailreiche, von Hand gezeichnete Hintergründe, bei welchen großer Wert auf die historische Genauigkeit gelegt wurde. Schon die ersten Spielminuten im Barcelona des 16. Jahrhunderts fühlen sich wie eine interaktive Geschichtsstunde an. Wo die Hintergründe noch mit Liebe zum Detail und stimmiger Ausarbeitung überzeugen können, fallen die Figuren jedoch leider ein wenig durch das Grafikraster. Natürlich kann man von Adventures keine High End-Grafik und den puren Bombast erwarten, aber die Animationen gerade unseres Protagonisten Feodor haben dann doch mehr mit der Augsburger Puppenkiste als einem echten Lebewesen zu tun.

Umso lebendiger wirkt dafür die stimmige Soundkulisse, die sich dynamisch an die Begebenheiten des Spielgeschehens anpasst und gerade durch ihre hochkarätigen Sprecher zu überzeugen weiß. Hier haben die Entwickler, genau wie auch schon bei den „Black Mirror“-Titeln, viel Herzblut in die Schaffung einer atmosphärischen Spielwelt gesteckt, was man auch tatsächlich an jeder Ecke zu hören und zu sehen bekommt. Da können sich manche lieblos geklonte Einheitsbrei-Shooter noch eine gehörige Scheibe abschneiden.
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