Kingdoms of Amalur - Reckoning - Test
Es gab einmal eine Zeit, in der man gerade bei Rollenspielen den Abspann erst nach beinahe dreistelliger Anzahl an Spielstunden über den Bildschirm flackern sehen konnte und in der ein fester Job oder ein geregelter Tagesablauf für echte Zocker eher ein Ärgernis war. Schließlich gab es bei Titeln wie Baldurs Gate so viel zu entdecken, dass die Verpflichtungen des echten Lebens schnell als unbedeutend abgewunken wurden. Nach der immer konsequenteren Spielzeitverkürzung der letzten Jahre gab es mit The Witcher 2 und The Elder Scrolls V – Skyrim im letzten Jahr zwei großkalibrige RPG-Knaller, die Zocker dank packender Story und unzähligen Interaktionsmöglichkeiten mit der Spielwelt endlich wieder wochenlang vor den Bildschirm fesseln konnten. Doch der Thron der monumentalen Epen mit Monster-Story wackelt gewaltig. Denn mit Kingdoms of Amalur – Reckoning hat Branchenriese Electronic Arts einen neuen RPG-Kandidaten in den Startlöchern, der in Sachen Spielzeit und Kurzweiligkeit alle Rekorde brechen soll. Dabei beginnt das Abenteuer rund um unseren Baukasten-Helden eher ungewöhnlich.
Einmal Leichenhalle hin und zurück, bitte!
Denn anstatt unseren Helden aus der Taufe zu heben, tragen ihn zwei knubbelige Gnome, deren Optik stark an Figuren aus dem MMO-Oldtimer World of WarCraft erinnert, erst mal zu Grabe. Schließlich herrscht gerade Krieg, und ein bisschen Schwund ist ja bekanntlich immer, besonders an der amalurschen Front. Denn mit den Tuatha, einer von einem machthungrigen König geführten düsteren Unterart der elfenartigen Feien, sehen sich die Verteidiger der Königreiche einem Gegner gegenüber, der nicht so leicht totzukriegen ist – genauer gesagt, haben unsere Widersacher das Sterben wohl gänzlich verlernt. Da ist es nicht verwunderlich, dass auch die in die Defensive gezwungenen Völker der Gnome, Menschen und Feien nach einer Möglichkeit suchen, den Tod zu überwinden. Zu diesem Zweck hat der gnomische Professor Hugues den Brunnen der Seelen konstruiert, der die Seelen der Verstorbenen sammelt und mit diesen mausetote Recken neues Leben einhauchen soll. Wie es sich für eine potenzielle Erfolgsstory gehört, sind wir natürlich der erste Proband, bei dem das auch wirklich klappt. So müssen wir uns nach der Auferstehung aus dem Leichenberg und der Flucht vor angreifenden Tuatha der Aufgabe stellen, für die Schicksalslose wie wir geradezu geschaffen zu sein scheinen: Welt retten, Tuatha vertreiben und sich vom gerade noch verwesenden Soldaten zum strahlenden Helden mausern.
Freie Platzwahl im Klassenzimmer
Diesen Helden dürfen wir uns natürlich rollenspielgerecht aus vier wählbaren Rassen selbst zusammenstückeln. Die Almani gleichen hierbei schmiedebegabten Menschen, während die Varani als Freibeuter daherkommen und ein Talent für das Schlösserknacken haben. Natürlich dürfen wir auch in die Haut von Feien schlüpfen, namentlich den Alchemie-Naturtalenten der Lichtelfen und der geborenen Meuchelmörder aus den Reihen der Dunkelelfen. Die Boni, die wir bei Auswahl unserer Rasse erhalten, wirken sich jedoch nur am Anfang auf das Spielgeschehen aus, denn Kingdoms of Amalur - Reckoning wirbt mit großer Entscheidungsfreiheit. Diese spiegelt sich auch in der Tatsache wider, dass wir uns zu keinem Zeitpunkt für keine spezifische Klasse entscheiden müssen. Wir wollen Feuerbälle um uns schleudern, gleichzeitig Gegner mit dem Bogen beharken und obendrauf mächtige Zweihänder schwingen? Kein Problem, denn das Gute am Status des Schicksalslosen ist, dass wir wirklich frei bestimmen können, wie wir unseren Charakter aufbauen wollen. Zu diesem Zweck dürfen wir nach jedem Levelaufstieg Punkte in die drei Skillbäume Macht, Raffinesse und Magie verteilen, die den Archetypen des Kriegers, des Schurken und – Trommelwirbel – des Magiers entsprechen. Besonders schön ist hierbei die Möglichkeit, die verschiedenen Waffentypen in Sub-Skillbäumen aufzuwerten. So können wir beispielsweise Zweihänder, Einhänder oder die exotischen Chakren, eine Art Bumerang gekreuzt mit messerscharfen Klingen, in verschiedenen Kategorien upgraden. Aber selbst wenn der Masterplan einen Tausendsassa aus dem Boden zu stampfen nicht aufgeht, dürfen wir unsere Talente immer wieder gegen klingende Münze zurücksetzen und neu verteilen.
Ein Verskillen unseres Helden ist also nicht möglich. Vor diesem Hintergrund stürzt man sich umso freudiger in die zahlreichen Quests, die die Quintessenz von Kingdoms of Amalur darstellen. So streunen wir in bester Manier durch abwechslungsreiche Landschaften, erfüllen Aufgaben für die unterschiedlichsten NPCs und sammeln durch den Abschluss von Quests Erfahrungspunkte. Dabei bietet uns das actionlastige Rollenspiel eine mehr als launige Story-Questreihe rund um den Stein des Lebens, für die sich der Fantasy-Autor R.A. Salvatore verantwortlich zeigt. Das merkt man spätestens bei der Ausarbeitung der Hintergründe der Rassen und den relativ auswirkungsarmen aber spaßigen Fraktionsquests, die wir für die Gnome, Menschen und Feien erledigen und dabei einige Blicke hinter die Fassade der freien Völker werfen dürfen. Auf der anderen Seite des Aufgabenspektrums gibt es jedoch zu viele Quests, die man eigentlich nur von MMOs kennt. Wer also von Botengängen der Marke „Töte X Gegner“ oder „Bringe Y nach Z“ schnell genervt ist, braucht in Amalur ein dickes Fell.
Prügeln bis der Arzt kommt
Letzteres ist übrigens auch bei den temporeichen Kämpfen hilfreich. Denn anders als in vielen Rollenspielen ist es bei Kingdoms of Amalur nicht nur mit ein paar Klicks getan. Vielmehr brauchen wir tatsächlich einiges an Fingerspitzengefühl und Hand-Auge-Koordination – Fingerverknotung vorprogrammiert. Das macht sich besonders am PC bemerkbar, während es an der Konsole dank Gamepad deutlich leichter fällt, auszuweichen, zu zielen und wild um sich zu schlagen. Der Mehraufwand in Sachen Maustasten- und Buttongekloppe zahlt sich dann aber auch aus, denn die Kämpfe spielen sich nicht nur so flott wie in vielen Actiontiteln, sondern sind auch aufwendigst durchchoreografiert. Leicht auszulösende und verknüpfbare Komboattacken führen so zu spektakulären Finishing Moves, die man genauso gut in knalligen Prügelspielen finden könnte. Ein besonderes Schmankerl ist der namensgebende Reckoning-Modus. Sobald wir unsere Schicksalsleiste durch erfolgreiche Attacken und zerschnetzelte Gegner aufgefüllt haben, tauchen wir die Spielwelt auf Knopfdruck in Lilablassblau. Aber der Spezialmodus hat nicht nur optische Auswirkungen, wir dürfen nun auch mit einer Art Energieattacke besonders blutrünstige One-Kill-Moves ausführen und unsere Gegner aufspießen, in der Mitte auseinanderhacken und schließlich per Quick Time Event endgültig über den Jordan befördern. Genretypisch dürfen wir erlegte Gegner natürlich auch fleddern und eine Vielzahl aus Ausrüstungsgegenständen erbeuten. Leider scheint hier aber auch ein großes Manko des epischen Rollenspiels durch. Denn das Inventar ist an Übersichtlichkeit kaum zu überbieten, die Tragefähigkeit unseres Helden ist begrenzt und nicht mehr benötigte Items müssen erst in eine spezielle Kategorie verfrachtet werden, bevor wir sie zerstören dürfen. Das klingt vielleicht kleinlich, aber gerade solche Kleinigkeiten hemmen den ansonsten recht zackigen Spielfluss von Amalur.

Olle Kamellen neu aufpoliert
Auch in Sachen Technik läuft bei Kingdoms of Amalur alles rund. Das liegt zum Teil an einer gut optimierten Engine, zum Teil aber auch am ressourcensparenden Look. Denn der Titel setzt nicht auf Bombastgrafik im Stil von Skyrim, sondern auf knuddelige Comic-Optik, die in interessantem Kontrast zur relativen Körperflüssigkeitsdichte steht. Die Welt von Amalur ist in erster Linie eines: knallig bunt. Nicht umsonst fühlt man sich bereits ab den ersten Spielminuten an den Genrekönig aus dem MMORPG-Bereich erinnert, denn auch World of WarCraft setzt auf zweckmäßige, aber detailverliebte Grafik. Auch in Sachen Geländevielfalt erinnert Amalur an ein MMORPG, dürfen wir doch durch Wüsten, Wälder oder Sümpfe streifen, immer begleitet vom stimmigen, der Situation angepassten Soundtrack. Dieser ist genauso hochwertig wie die deutsche Synchronisation und die krachigen Soundeffekte. Zusammen mit den flüssigen Animationen und dem angenehm hohen FPS-Durchsatz bietet Kingdoms of Amalur von technischer Seite zwar keine Innovationen und erst recht keine zeitgemäße Grafik, aber viel Liebe zum Detail und eine große Vielfalt an Szenarien.
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