Call of Juarez - The Cartel - Test
Der Sand weht uns um die Nase, in der Ferne ist die weite Prärie zu erkennen und mittendrin galoppieren Pferde und schrullige Western-Cowboys mit Hüten. Das war einmal. Die Call of Juarez-Reihe wurde vom polnischen Entwickler Techland anno 2011 komplett gegen den Strich gebürstet. Dem Western-Szenario musste ein urbanes Setting weichen. Doch rechtfertigt das überhaupt noch den Titel im Namen?
Call of Los Angeles
Ohne groß um den heißen Brei zu reden: nein. Im Endergebnis hat „Call of Juarez: The Cartel“ so gut wie nichts mehr mit den Western-Shootern gemein. Das beginnt schon bei der Story. Diese ist in Los Angeles angesiedelt. L.A. ist ein El Dorado für alle Ganoven. Da werden fleißig Drogen aus Mexiko importiert und gedealt, Regierungsgebäude stehen im Zentrum von Anschlägen und die Bürger der Stadt werden in Angst und Schrecken versetzt. Quelle der Kriminalität ist das Mendoza-Kartell. Der Brückenschlag zu den Vorgängern ist weit hergeholt und haarsträubend. So ist der LAPD-Cop Ben McCall ein Nachfahre Ray McCalls aus dem Vorgänger. Da war’s auch schon mit der Verbundenheit zur „Call of Juarez“-Reihe. Ben zur Seite werden der Drogenagent der DEA Eddie Guerra sowie die FBI-Ermittlerin Kim Evans gestellt.
Zu Spielbeginn sucht ihr euch ein Triomitglied aus. Dadurch erlebt ihr die Story stets aus einer anderen Perspektive und erfahrt mehr über dessen wahre Gesinnung. Eddie bekommt immer wieder Handyanrufe, während er mit seinen Kollegen auf Mission für Recht und Ordnung ist. Ob Drogenboss oder Kunde, irgendwer klingelt Eddie immer an. Dadurch wird die Story dann auch ansatzweise interessant. Denn, je nachdem aus welcher Perspektive ihr die Geschichte erlebt, habt ihr eine andere Nebenaufgabe. Ein Widerspielwert ist aber trotzdem nicht vorhanden, obwohl die Charaktere jeweils andere Spezialitäten aufweisen. So ist die Dame im Trio etwa eine Virtuosin im Umgang mit Snipergewehren.
Moderner Wild-West-Shooter?
Techlands Intention wurde im Vorfeld des Öfteren offengelegt: „Modern Western-Shooter“. So hieß es. Man wolle die Ursprünge der Serien nicht ad acta legen. Das wurde aber getan. Vom Western-Aspekt ist nicht mehr viel übrig. 1vs.1-Duelle in der Stadt der Engel? Fehlanzeige. Nur wenn man „Call of Juarez: The Cartel“ ganz nüchtern betrachtet, könnte man von Wild West-Anleihen sprechen. Shoot Outs auf Pferden wurden durch Verfolgungsjagden auf Autobahnen ersetzt und statt verrucht-staubigen Saloons besucht man Nachtclubs wie das El Dorado. Der Spielablauf an sich gestaltet sich öde und langweilig. Es gibt keine Highlights, stattdessen spurtet ihr durch Hinterhöfe von Gangs, schießt per Revolver, Ak-47 und Schrotflinte alle Feinde über den Haufen und platziert in Drogencamps hin und wieder explosive Bomben.
Ein Deckungssystem fehlt, was die Schussgefechte die nötige Prise Taktik vermissen lässt. Nur der Konzentrationsmodus ist eine nette Dreingabe. Auf Knopfdruck schaltet das Spiel in eine Zeitlupe, wobei ihr mehrere Feinde auf einmal unter Beschuss nehmt. Aber seien wir mal ehrlich. Das gehört schon seit Jahren zum Standard und haut keinen mehr aus dem Puschen.
Besonders deutlich wird das Skript-Fundament in einer sehr frühen Mission im Spiel: Ihr sollt Bomben in Zelten einer verfeindeten Gang zünden. Doch bevor ihr nicht alle Gangster in der unmittelbaren Umgebung ausgeschaltet habt, taucht das Zielobjekt im Zelt nicht auf. Irgendwie seltsam und wenig authentisch. Die Skript-Schussgefechte sind zudem viel zu offensichtlich. Die Entwickler machen sich nicht mal die Mühe, Skript-Events zu kaschieren und den Spielablauf dadurch flüssiger und unvorhergesehen wirken zu lassen.
Oftmals ist das Gamedesign mit dem Prädikat „frustrierend“ auf den Punkt zu bringen. Das Abschießen eines Helikopters mit einer Panzerfaust will partout nicht klappen, weil das Zielen extrem schwammig ausfällt. Und spätestens, wenn die strunzdumme K.I. ihre Waffen sprechen lässt, merkt man, dass viel Feintuning für ein besseres Spielerlebnis nötig gewesen wäre. Völlig lächerlich fallen dien Faustkämpfe aus. Die Faustformel: Zuschlagen und sobald der Gegner aufsteht, schlägt er zu. Was machen wir also? Blocken und kurz darauf wieder die Faust einsetzen. Und schon liegt der Feind blutig am Boden.

Deutsche Sprache, lasche Sprache
Grafisch bewegt sich „Call of Juarez: The Cartel“ auf mittelmäßigem Niveau. Die Texturen sind matschig, die Weitsicht kaum vorhanden und die Charaktermodelle fallen unfertig aus. Die Soundkulisse ist ebenso ernüchtern. Vor allem, dass die Lokalisierung mit deutschen Stimmen aufwartet, ist eher negativ anzukreiden. So klingen die Phrasen, die im englischen Original nur allzu gerne mit dem F-Wort auftrumpften, schlichtweg zu lieb, als dass sie zu einem smarten oder korrupten Cop passen könnten.
Online dürft ihr ebenfalls eure Waffen zücken. Entweder ihr spielt die gesamte Einzelspieler-Story mit zwei weiteren Freunden oder versucht euch in zwei gewöhnlichen Spielvarianten. Im Missions-Modus treten zum Beispiel Verbrecher gegen die Polizei an. So muss ein Team eine Bank ausrauben, während die Beamten das mit allen Mitteln zu verhindern versuchen. Der zweite Spielmodus ist klassisches Team-Deathmatch gespickt mit Herausforderungen und Belohnungen, die ihren Fokus auf das Teamwork legen.
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