Filme - Spezial
"Who the hell wants to hear actors talk?" bellte 1927 Harry Morris Warner, Mitbegründer von Warner Bros. und einer der ganz großen Big Player der frühen Hollywood-Ära. Harry Warner konnte sich damals nicht vorstellen, dass der sich gerade etablierende Tonfilm eine Zukunft haben würde. Sein Ausspruch gilt bis heute als eine der größten Fehleinschätzungen der Filmindustrie und ist fast so legendär wie Platons Kritik an der Schrift. So ist das halt, wenn sich ein neues Medium anschickt, unsere Lebensgewohnheiten zu revolutionieren. Derart radikal-kritische Stimmen gibt es beim 3D-Film, der neben der rasanten Weiterentwicklung von computergenerierten Bildern nach dem Ton- und Farbfilm sicher den nächsten Meilenstein der Entwicklung darstellt, zwar nicht, doch die Euphorie, die James Camerons 3D-Über-Blockbuster "Avatar" 2010 bei Filmemachern und Filmeguckern auslöste, hat sich mittlerweile ein wenig gelegt. Ist dreidimensionales Kino denn nun die Zukunft des Kinos oder nur eine kurze Modeerscheinung, die sich bald in Wohlgefallen auflöst?
Thrills that almost touch you!!!
3D gibt es natürlich nicht erst seit den Na´vi und ihrem phosphoreszierendem Heimatplaneten Pandora. Schon in den frühen 50er Jahren gab es erste 3D-Versuche, um dem Kino in Konkurrenz zum Fernsehen seine Ausnahmestellung zu sichern. Und zwar nicht nur im etwas unschönen Anaglyph-Verfahren mit den rot-grünen Brillen, sondern auch im seinerzeit wirklich beeindruckenden Polarisationsverfahren, bei dem jedem Auge eine getrennte Bildinformation angeboten wird. Die Polarisationstechnik war dem Anaglyph-Verfahren weit voraus, konnte sich erstaunlicherweise aber nicht dagegen durchsetzen. Stattdessen kamen noch bis in die achtziger Jahre eher unbeeindruckende Machwerke wie der legendär schlechte "Weiße Hai 3D" in die Kinos und brachten die 3D-Technik in den Verruf, unausgereift und eigentlich überflüssig zu sein.
1986 feierte dann IMAX 3D seine Premiere und hob Dreidimensionalität im Kino auf ein neues Level. In den folgenden Jahren begeisterte das vom gleichnamigen kanadischen Unternehmen "IMAX Corporation" gegründete Unternehmen nicht nur mit enorm plastischen Naturfilmen ("Bugs!"), Dokumentationen ("Destiny in Space") oder den sogenannten Rides, bei denen die Bewegungen auf der Leinwand auf die Sitze der Zuschauer übertragen wurden ("Race for Atlantis"), sondern auch mit Blockbustern, von denen ausgewählte Szenen in drei Dimensionen zu bestaunen waren, etwa das Finale aus "Harry Potter und der Orden des Phoenix".
Danke, James
"Avatar" aber war definitiv der Türöffner, der dreidimensionales Kino aus dem Nischendasein zur Massentauglichkeit führte. Cameron, der 2006 bereits mit seiner IMAX-Doku "Aliens der Meere" seine 3D-Affinität zeigte, entwickelte mit Rückgriff auf Technologien von Sony und Fujinon eigens für seinen Film eine völlig neuartige stereoskopische Kameratechnik, die es erstmals ermöglichte, reale Szenen direkt in 3D zu filmen. Inhaltlich mag man zu dem Film stehen, wie man will, seine Oscar-prämierte Technik und Effekte waren bahnbrechend und leiteten eine neue Ära ein. Nach einem sensationellen weltweiten Einspielergebnis von über 2,7 Mrd. Dollar, das bedingt durch die höheren Ticketpreise für 3D-Filme, den Streifen mit großem Vorsprung auf Platz 1 der Liste der erfolgreichsten Filme aller Zeiten katapultierte, wollte jeder Produzent seine potenziellen Hits mit dem "3D"-Gütesiegel versehen.
Dreidimensionale Schattenseiten
Für einen kurzen Moment ging diese Taktik auch auf, im Fahrwasser von "Avatar" setzte sich ein 3D-Film nach dem anderen an die Spitze der Kinocharts. "Kampf der Titanen“ etwa oder Tim Burtons "Alice im Wunderland", die zeitnah zu Camerons Sci-Fi-Koloss herauskamen und bisweilen für Engpässe bei den 3D-kompatiblen Leinwänden sorgten. Allerdings waren genau diese Nachzügler dafür verantwortlich, dass der Begeisterung schnell Ernüchterung folgte, denn die meisten angeblich dreidimensionalen Filme wurden bloß auf die Schnelle im Nachhinein auf 3D poliert. Weder "Alice im Wunderland" noch "Kampf der Titanen" wurden mit den teureren und in der Praxis aufwendigeren 3D-Kameras gedreht, wie sie etwa Cameron genutzt hatte, stattdessen wurden die ganz normal in 2D gedrehten Bilder einfach in der Post Production konvertiert. Das Ergebnis waren Bilder, denen man ihre Künstlichkeit ansah, und die nicht ansatzweise an die Brillianz von "Avatar" heranreichten. Obwohl mittlerweile jeder größere Film sowohl in 2D als auch in 3D erscheint, ist es immer noch eine gängige Vorgehensweise, 2D-Bildern auf eine Pseudo-Dreidimensionalität zu trimmen. Eine der lobenswerten Ausnahmen ist "Tron Legacy", dessen Technik sogar noch nach jener von "Avatar" entwickelt wurde. "Transformers 3" wurde immerhin zu 60 Prozent in echtem 3D gedreht.
Dem 3D-Film bescheinigt zwar niemand ein solches Todesurteil wie Harry M. Warner seinerzeit, einige klangvolle Regisseure und Produzenten stehen dem Trend aber noch skeptisch gegenüber. Christopher Nolan etwa wird den dritten "Batman"-Teil in herkömmlichen 2D drehen, und auch Roland Emmerich, für dessen Effektgewitter wie "Independence Day" oder "The Day after Tomorrow" 3D eigentlich wie gemacht scheint, hält ebenfalls noch nicht viel von der neuen Technik. In einem Interview mit dem "Spiegel" sagte Emmerich, er glaube nicht, dass sich 3D durchsetzen wird.
Hans Nasenfahrrad
Was allerdings nicht an den Möglichkeiten liegt, die 3D bietet, sondern an deren Umsetzung. Die Technik steckt noch in den Kinderschuhen, das Hauptproblem ist schnell ausgemacht: die Brillen. Die 3D-Nasenfahrräder sind nicht bloß unkomfortabel, für Brillenträger, die nach Aussage des Berufsverbands der Augenärzte in Deutschland immerhin etwa 30 Prozent der Bevölkerung ausmachen, sind sie sogar völlig ungeeignet. Zudem ist Dreidimensionalität allein kein Garant für finanziellen Erfolg, wie es vielleicht noch in den ersten Monaten nach "Avatar" der Fall war, weil sie mittlerweile die Aura des Besonderen verloren hat. Disneys "Milo und Mars" wurde dieses Jahr mit seinem Budget von 175 Millionen Dollar und seinem Box Office von unter 40 Millionen Dollar zu einem der größten finanziellen Flops der Filmgeschichte, und eben erst ist Martin Scorceses Familienfilm "Hugo", der für seinen eleganten Einsatz von dreidimensionalen Bildern weltweit großartige Kritiken erhält, eher bescheiden gestartet. Auch andere Filme mit dem 3D-Stempel blieben unter den finanziellen Erwartungen, etwa Tarsem Singhs "Krieg der Götter" oder die Videospielverfilmung "Prince of Persia", die eigentlich eine ähnliche Marke wie die "Fluch der Karibik"-Serie etablieren sollte.
Rückenschmerzen oder Brille
Auf lange Sicht wird 3D aber wohl zum Standard werden. Wenn es erst einmal vernünftiges 3D auch ohne Brillenzwang gibt, wird das der Branche noch mal einen gewaltigen Schub geben. Nintendos 3DS darf sich hier gerne als kleiner Pionier sehen, und auf der IFA in Berlin sowie der CES in Las Vegas wurden bereits die ersten Fernseher gezeigt, die 3D ohne Brille darstellen können. Zwar gelingt dieser Effekt nur, wenn man eine starre Sitzposition zum Fernseher einnimmt, aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Technologie reibungslos funktioniert. Zudem ist neben den wenigen Skeptikern der Großteil der Kinoelite von 3D überzeugt, und zwar schon während der Produktion, nicht erst bei der Nachbearbeitung. Allen voran natürlich Peter Jackson, der seine beiden "Hobbit"-Filme mit den beeindrucken RED 3D-Kameras dreht. Auch Steven Spielberg, der einflussreichste aller Filmschaffenden, setzt wie bei "Tim und Struppi - Das Geheimnis der Einhorn" verstärkt auf die neue Technologie. Und wenn demnächst "Titanic" und "Star Wars" zum 3D-Tanz bitten, werden die Jünger ebenfalls in Scharen in die Lichtspielhäuser pilgern.

Viel zu tun für Platons Erben
Es ist schwer vorstellbar, dass 3D nicht die Zukunft des Kinos sein könnte. Wenn die Begeisterung dafür derzeit auch nachlässt, dann liegt das daran, dass der dreidimensionale Filmgenuss in rasender Geschwindigkeit zur Selbstverständlichkeit geworden ist. Sieht man mal von den Trittbrettfahrern ab, die ihren Filmen auf die Schnelle noch eine Scheindreidimensionalität überziehen, dann sind die visuellen Vorteile nicht von der Hand zu weisen. Und nicht nur Spielfilme, auch Dokumentationen profitieren von den neuen visuellen Möglichkeiten. Und das gilt nicht nur für Eventmovies wie die Konzerttournee von Justin Bieber oder Disneys Sportspektakel "X Games 3D", sondern auch für weniger auf Spektakel abzielende Filme renommierter Filmemacher wie Wim Wenders Tänzerinnen-Porträt "Pina" oder Werner Herzogs Höhlenexpedition "Cave of forgotten dreams". Wenn das Problem mit den Brillen erst einmal zufriedenstellend gelöst ist, dann wird der 2D-Film langsam aber sicher ähnlich konsequent verschwinden wie der Stumm- und der Schwarweiß-Film. Und was kommt danach? Na hoffentlich die Holodecks. Und wenn dann der erste Film startet, der seine Zuschauer mitten hinein in seine fantastischen Welten katapultiert und damit die Immersion perfektioniert, wird ganz sicher wieder irgendein Nörgler im Geiste Harry M. Warners oder Platons bellen: "Who the hell wants to live a movie?" So ist das eben mit den Neuen Medien.
Von Björn Remiszewski
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